Blickaufzeichnung 1989
Erforschung des Leserverhaltens beim Zeitunglesen
Norbert Küpper
Büro für Zeitungsdesign
Gutenbergstr. 4
D-40670 Meerbusch
Telefon (0 21 59) 91 16 15

E-Mail: nkuepper@newspaperdesign.de
Dieser Beitrag ist die weltweit erste Studie um Thema Blickaufzeichnung bei
Tageszeitungen. Die Erstveröffentlichung erfolgte in Deutscher Drucker, Nr. 31
1989

Die Aktualisierung auf die neue Rechtschreibung erfolgte am 13. August 2007.
Ansonsten ist der Inhalt unverändert ins Internet gestellt worden.
Ein pdf steht hier zum Download bereit.

Die Blickaufzeichnungs-Kamera von 1989
Das Leseverhalten beim Zeitunglesen kann aufgezeichnet werden. Das Gerät hat ungefähr das Gewicht einer Ski-Brille. Der Leser kann sich frei bewegen und auch die Zeitung in eine bequeme Lese-Position bringen. Man kann die Fixationspausen aufzeichnen und exakt feststellen, welche Teile der Zeitung gelesen wurden und welche nicht.


Grundsätzliches über den Test
Über den Autor (Stand 1989)
Diplom-Designer Norbert Küpper ist Spezialist für Zeitungsdesign.
Er hat u.a. folgende Zeitungen neugestaltet: die Waldeckische Landeszeitung in Korbach, die Deister- und Weserzeitung in Hameln, Allgemeine Zeitung in Mainz, Badisches Tagblatt in Baden-Baden. Er führt Zeitungsdesign-Seminare in Zusammenarbeit mit dem BDZV, der Standortpresse und dem Institut für publizistische Bildungsarbeit durch.
Außerdem hat er einen Lehrauftrag für Typografie an der Fachhochschule Düsseldorf.

Problemdefinition
Bei meiner Arbeit als Zeitungsdesigner treten immer wieder Fragen auf, die nur Teilweise beantwortet werden können. Es ist bisher vor allem unklar, wie der Leser die Zeitung nun tatsächlich nutzt. Folgt er den Wegen, die ich ihm als Designer vorgeben möchte, oder geht der Leser eigene, unkonventionelle Wege, die nicht vorbestimmt werden können?
Um zu gefestigten Erkenntnissen zu kommen, wurde das Projekt Blickaufzeichnung von mir durchgeführt.

Fragenkatalog
Durch die Blickregistrierung und die Auswertung sollten Antworten auf folgende Fragen gefunden werden:
Gibt es bestimmte Einstiegspunkte für den Leser auf der Seite, z.B. Fotos, Überschriften, Farben?
Gibt es bei der Betrachtung einer Zeitungsseite eine Strategie oder geht jeder Leser unterschiedlich vor?
Gibt es auf einer Seite Blickpunkte (Fixationen), z.B. Fotos, Überschriften, Kurzmeldungen oder andere Rubriken, die von überdurchschnittlich vielen Lesern wahrgenommen werden?
Werden Bilder stets stärker beachtet als Texte?
Werden mehr kurze Beiträge gelesen als lange?
Muss zwischen geübten Lesern und Neulingen, die die zu lesende Zeitung nicht kennen beim Leseverhalten unterschieden werden?

Das Team
Idee, Konzept und Organisation lagen bei mir. Mit der Durchführung der Tests beauftragte ich die Fachhochschule für Wirtschaft in Pforzheim. Diplom-Betriebswirt Harald Gleißner, Diplom Betriebswirt Jeanette Welz und Michael Fohrer betreuten das Projekt.
Als Testobjekt wählte ich das Badische Tagblatt in Baden-Baden, eine Zeitung, die im Januar 1989 von mir neugestaltet worden ist.


Testmethode
Mir war seit langem bekannt, dass es eine Methode gibt, Augenbewegungen aufzuzeichnen. Wenn man z.B. in einem Supermarkt nach einem Produkt greift, so ist der Weg zum Regal, die Größe und Gestaltung der Packung, die Platzierung – oben, mittig oder unten – unter anderem auf Tests der Blickverläufe zurückzuführen.
Ein großer Anwendungsbereich ist auch die Anzeigenwerbung, denn man will ja wissen, ob die Leser einer Illustrierten auch die Anzeigen wahrnehmen und ob die Gestaltung eventuell verbessert werden kann.
Zur Feststellung des Leseverhaltens wird ein Gerät benutzt, mit dem die Fixationen beider Augen aufgezeichnet werden. Das Gerät selbst wiegt ungefähr so viel wie eine Ski-Brille. Es enthält im oberen Teil ein Objektiv mit dem das Gesichtsfeld der jeweiligen Testperson aufgezeichnet wird. Die Fixationspausen – das sind die Momente des scharfen Sehens – werden mit der Cornea-Reflex-Methode erfasst: ein Infrarotstrahl wird auf die Augen gerichtet und von dort reflektiert. Diese Reflexe werden aufgezeichnet und mit der Aufnahme des Gesichtsfeldes kombiniert. Man kann später ein Video-Band auswerten, das alle Fixationen genau zeigt.
Es werden also nicht die Augenbewegungen festgehalten, weil während dieser Bewegungen – Sakkaden – nichts gelesen werden kann. Scharfes sehen ist nur bei Fixationen möglich. Für die Tests wurde der NAC-Eye-Mark-Recorder V benutzt. Dieses Gerät hat den Vorteil, dass die Testperson sich sehr frei bewegen kann. Man ist nicht an eine bestimmte Position gebunden und kann auch die Zeitung frei in der Hand halten.

Realistisches Leseverhalten
Vielen Forschungsergebnissen wird mit Misstrauen begegnet, weil die Tests in wissenschaftlichen Labors mit entsprechender Atmosphäre durchgeführt wurden.
Durch die Blickaufzeichnungsbrille, die den Leser nicht weiter behindert, sowie durch die lockere Gestaltung des Tests-Ablaufs in den Räumen des Zeitungsverlages wurde eine normale Lesesituation erzielt. Hinzu kommt, dass die Augenbewegungen und die Informationsaufnahme durch den Leser nicht bewusst gesteuert werden. Es geschieht automatisch. Die Verbindung
von Gehirn und Auge ist sehr direkt. Unser Bild von der Welt ist stets vollständig, obwohl wir nur ca. ca. 2 qcm unseres Umfeldes ständig scharf sehen können. Das Gehirn ergänzt das Gesichtsfeld und lenkt das Auge stets auf wichtige, interessante Dinge. Welche Dinge bei der Zeitungslektüre interessant sind, sollte sich herausstellen.

Ablauf der Tests
Um herauszufinden, ob sich Leser und Nichtleser hinsichtlich ihres Verhaltens unterscheiden, wurde 30 Studenten – 15 männlich und 15 weiblich – ausgewählt und in der Räumen der Fachhochschule getestet. Bei den Studenten ergab sich ein Durchschnittsalter von 26 Jahren.
Zum Vergleich wurden 30 Leser und Abonnenten in das Verlagshaus des Badischen Tagblatts in Baden-Baden gebeten. Diese Gruppe wurde entsprechend der Leserstruktur ausgewählt. Das Alter reichte von 18 bis 73 Jahren.
Es ergab sich ein Durchschnitt von 40 Jahren. Es waren auch hier 15 Männer und 15 Frauen beteiligt. Der Beruf spielte eine gewisse Rolle: Angestellte, Selbständige, Facharbeiter, Beamte, Hausfrauen und Gastronomen. Es nahmen aber auch Schüler und Rentner an dem Projekt teil. Die Gruppe sollte für die Zeitung möglichst repräsentativ sein, da man in Baden-Baden aus den Ergebnissen auch eigene Rückschlüsse ziehen wollte.
Für die Tests wurde jeweils eine tagesaktuelle Ausgabe gewählt. Es wurde keine spezielle Ausgabe produziert, weil sonst das Charakteristikum der Tageszeitung – die Aktualität – verloren gegangen wäre. Die Testpersonen sollten realistisch lesen – darum fiel die Entscheidung für die normale Ausgabe.
An einem Tag konnten 23 Personen der Gruppe der Leser getestet werden. Die Ergebnisse dieser großen Gruppe wurden für die hier abgebildeten Auswertungen benutzt. Es liegen noch zahlreiche ausgewertete Zeitungen von kleineren Test-Gruppen vor, die hier nicht wiedergegeben werden können.
Nach Ende des Tests nahmen die Teilnehmer an einem zusätzlichen Interview teil. Es sollte ermittelt werden, ob sich die Leser an bestimmte Bilder oder Texte erinnern konnten. Dieses Interview diente als weitere Absicherung der Testergebnisse. Die Leser wurden auch um Kritik und Verbesserungsvorschläge gebeten.


Teil 1: Grundsätzliches über den Test
Teil 2: Fragen und Antworten
Teil 3: Ergebnisse im Detail
zur Startseite