Fragen und Antworten

Gibt es bestimmte Einstiegspunkte für den Leser auf der Seite?
In den meisten Fällen beginnt der Leser die Informationsaufnahme bei einem großflächigen Bild oder bei einer Überschrift.
Jede Seite sollte einen Schwerpunkt haben, der dem Leser einen solchen Einstiegspunkt anbietet. Das kann ein Bild sein oder eine Überschrift, die mindestens 36 Punkt groß sein sollte. Dieser Einstiegspunkt sollte im oberen Bereich der Seite sein. Er Muss sich nicht direkt unter dem Kopf befinden.


Werden Bilder stärker beachtet als Texte?
Bilder werden wesentlich stärker beachtet als Texte. Die abstrakte Reihenfolge der Buchstaben muss vom Gehirn erst entschlüsselt werden. Bilder können wesentlich schneller wahrgenommen, verstanden und behalten werden. Bilder wurden – bis auf wenige Ausnahmen – von mehr als 80% der Leser betrachtet.

Gibt es bestimmte Blickpunkte – Rubriken, Überschriften, Bilder –
die von unerwartet vielen Lesern wahrgenommen werden?
Außer den Bildern werden die meisten Überschriften gelesen.
Kurze Beiträge, die in einer Spalte oder einer Rubrik zusammengefasst werden, werden wesentlich häufiger gelesen als andere Beiträge. Artikel mit Bildern werden häufiger gelesen als Artikel ohne Bilder.

Werden Beiträge, die am Fuß der Seite stehen seltener gelesen als andere?
Für die Auswahl eines Artikels durch den Leser spielen mehrere Faktoren eine Rolle, die stets zusammenspielen. Allein die ungünstige Platzierung kann die Informationsaufnahme nicht verhindern. Man muss mehrere Fehler gleichzeitig machen.
Beispiel Seite vier unten. Der Beitrag „Steinstele bereitete den Archäologen Sternstunde“:

  • Platzierung am Fuß der Seite,
  • langer Artikel,
  • keine Zwischenüberschriften,
  • möglicherweise kein sehr aufregendes Thema,
  • ungünstige Platzierung des Bildes.
    Ergebnis: Der Beitrag wurde praktisch nicht gelesen. Beispiel Seite fünf unten. Der Beitrag „Das Grauen vor der Haustür dokumentiert“:
  • Platzierung am Fuß der Seite,
  • relativ kurzer Artikel,
  • das Foto wurde gut in den Textblock integriert,
  • interessant getextete Überschrift.
    Ergebnis: Der Beitrag wurde von 30% der Teilnehmer bis zum Ende gelesen. Dieser Wert ist höher als der Haupt-Aufmacher der Titelseite! Beispiel Seite fünf oben. Der Artikel „Weit mehr Krebstote als im Landesdurchschnitt“:
  • Platzierung rechte Seite oben,
  • relativ kurzer Artikel,
  • kein Bild,
  • unangenehmes Thema.
Der Artikel rechts oben wurde genauso wenig gelesen wie der Artikel links unten.
Der Leser verschafft sich offenbar durch die Betrachtung von Bildern und durch das Lesen von Überschriften einen Überblick und entscheidet völlig unabhängig, ob er einen Artikel liest oder nicht.

Wird die rechte Seite stärker beachtet als die linke?
Die Leser haben beim Berliner Format die Seiten als Doppelseiten aufgefasst. Sie sind auch auf den Seiten hin- und her gesprungen. Leser, die die Zeitung von vorne gelesen haben, haben meist zuerst auf die linke Seite geschaut, Leser, die die Zeitung am Ende begonnen haben, haben meist zuerst auf die rechte Seite geschaut. Die abgebildeten Grafiken zeigen entsprechende Beispiele.
Die von Anzeigenkunden bevorzugte rechte Seite wird also vom Leser nicht stärker beachtet als die linke. Es gibt auch in wissenschaftlichen Publikationen keinen Beweis dafür, dass die rechte Seite stärker beachtet würde.

In welcher Reihenfolge erfolgte die Informationsaufnahme?
Es ist bekannt, dass manche Leser die Zeitung von hinten nach vorne lesen oder mit dem Lokalteil beginnen.
Hier verhielten sich Studenten und Abonnenten unterschiedlich, wie die folgenden
Tabellen zeigen:


Studenten
von vorne nach hinten 73 %
zuerst den Lokalteil 7 %
von hinten nach vorne 20 %

Abonnenten
von vorne nach hinten 53 %
zuerst den Lokalteil 27 %
von hinten nach vorne 20 %

Ein Viertel der Abonnenten begann mit dem Lokalteil, ein Fünftel begann mit der letzten Seite. Diese umgekehrte Reihenfolge wurde meist durch die gesamte Zeitung durchgehalten.
Die Gruppe der Studenten nutzte die Zeitung zu 73% von vorne nach hinten.
Diese Ergebnisse stimmen mit Leserbefragungen anderer Zeitungen überein.

Wird der Lokalteil stärker genutzt als der überregionale Teil?
Da ein Viertel der Abonnenten zuerst zum Lokalteil gegriffen hat, zeichnet sich schon eine stärkere Nutzung dieses Teils ab. Die Auswertung der Titelseite des Lokalteils zeigt, dass diese Seite viel intensiver genutzt wird als z.B. die Titelseite der Zeitung. Es werden nicht nur die Überschriften gelesen, sondern auch der Grundtext.

Wann wird die Zeitung gelesen?
Auf die Frage „Wann lesen Sie die Zeitung?“ antworteten die Abonnenten in dem anschließenden Interview:
vormittags: 83 %
nachmittags: 10 %
abends: 7 %


Werden Artikel bis zum Ende gelesen oder werden viele nur „angelesen“?
Man muss davon ausgehen, dass es für den Leser völlig normal ist, einen Artikel an irgendeiner Stelle abzubrechen. Darum gilt ja auch die alte journalistische Regel, dass die Wichtigkeit eines Beitrages nach hinten abnimmt.
Ob ein Leser einen Beitrag vollständig liest, ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig.

Positive Einflüsse:
  • Blickfang (Bild oder Überschrift),
  • kurzer Artikel,
  • Zwischenüberschriften,
  • Auflockerung des Textblocks durch Bilder oder Grafiken,
  • interessantes Thema,
  • gut getextete Überschrift.
Negative Einflüsse:
  • kein Blickfang (kein Bild, Überschrift zu klein),
  • langer Artikel,
  • keine Zwischenüberschriften,
  • keine Auflockerung des Textblocks durch Bilder und Grafiken,
  • relativ uninteressantes Thema,
  • schlecht oder unklar getextete Überschrift.

War der Lese-Ablauf bei den Testpersonen ähnlich?
Der Leser geht vom großen zum kleinen Element vor. In den meisten fällen wurden als erstes die großen Bilder betrachtet, danach die Überschriften. Die ersten drei bis vier Fixationen waren bei den meisten Lesern gleich. Nach diesem Überblick entscheidet der Leser individuell, welche Beiträge er lesen will.
Man sollte darauf achten, dass die Überschrift auch tatsächlich etwas über den Inhalt des folgenden Artikels sagt. Extrem kurze Überschriften sind da meist nicht sehr sinnvoll. Man sollte nicht die wesentlichen Aspekte eines Beitrages in die Dach- oder Unterzeile packen, sondern wenn irgend möglich in die Überschrift. Überschriften könnten also öfter zweizeilig sein, um diesem Anspruch zu genügen.
Der Einstieg in den Beitrag sollte klar strukturiert sein. Man sollte nicht zu viele Elemente in den Überschriften-Apparat einbauen: nicht Dach- oder Unterzeile, sondern eines dieser Elemente. Nicht einen extrem langen Vorspann, sondern einen kurzen Text, der den Leser weiter in die Story hineinzieht.
Danach sollte der eigentliche Beitrag beginnen. Das wichtigste gehört an den Anfang, weil zum Ende hin viele Leser einfach abbrechen.

Wurde die Dachzeile gelesen?
Die Informationsaufnahme begann fast immer mit der Überschrift. Die Dachzeile wurde entweder anschließend oder überhaupt nicht gelesen. Bei dem Interview sagten die Leser:
Die Dachzeile lese ich als erstes und
gehe dann zur fetten Überschrift, dann zum Text: 9,3 %
Ich lese erst die Überschrift und dann die Dachzeile: 41,9 %

Muss zwischen geübten Lesern und Neulingen, die die Zeitung noch nicht kennen, beim Leseverhalten unterschieden werden?
Man geht davon aus, dass jüngere Menschen die Zeitung schneller lesen und weniger intensiv nutzen. Bei dem hier vorliegenden Test konnte kein Unterschied im Verhalten der Studenten und der Abonnenten festgestellt werden.
Auch unterschied sich das Verhalten von jungen Lesern nicht von dem alter Leser.

Folgerungen
Der Leser folgt den Wegen, die ihm der Designer vorgeben möchte, aber er tut es auf eine völlig individuelle und nicht zu verallgemeinernde Weise. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie jeder Leser seinen eigenen Weg durch die Tageszeitung findet.
Wer einmal ein Video-Band mit den Blickbewegungen beim Zeitungslesen gesehen hat, der weiß eines ganz sicher: Lesen ist mühsame Arbeit. Meine Aufgabe als Zeitungsdesigner ist es, dem Leser die Arbeit der Informationsaufnahme zu erleichtern.
Noch sind zu viele Zeitungen unübersichtlich gestaltet. Man stopft die Seiten gedankenlos voll. Viele Zeitungsseiten werden in Hektik und planlos zusammengebaut.
Wer seine Arbeit diszipliniert ausführt, wird auch am Ende ein übersichtliches und klares Ergebnis erzielen. Nur durch gestalterische Klarheit und Einfachheit kann das Ziel erreicht werden: dem Leser die Arbeit
Regeln, die aus den Testergebnissen abgeleitet werden:

Grundsätzliches
Lesen heißt arbeiten. Durch die Gestaltung der Zeitung muss dem Leser die Arbeit erleichtert werden.

Die Seite sollte nicht zu vollgestopft werden, weil sie dann unübersichtlich wird.

Der Leser soll jeden Tag ein klar gegliedertes, übersichtliches Produkt erhalten.

Der Leser orientiert sich zunächst an Bildern und Überschriften. Hier klare Zuordnungen oder Abtrennungen zu schaffen, ist besonders wichtig.

Jede Seite sollte einen eindeutigen Schwerpunkt haben. Das kann ein Bild sein oder eine Überschrift.

Durch die klare Setzung eines Schwerpunktes wird dem Leser ein Einstieg in die Seite vorgegeben.

Bilder
Eine Seite ohne Bilder ist abzulehnen, weil sie dem Leser keinen Einstiegspunkt anbietet.

Bilder sollen nie als Füllmaterial dienen, weil der Leser sich sehr stark an Bildern orientiert und sie meist zuerst anschaut.

Schmuckbilder, die nicht zu einem Beitrag gehören, sollen in einen Rahmen gestellt werden, damit sie nicht falsch zugeordnet werden können.

Bilder, die zu einem Artikel gehören, sollten mit dem Text einen Block bilden: Blockumbruch.

Bilder sollten nicht in einer Ecke geballt sein. Man sollte sie lieber über die Seite verteilen.

Bilder dürfen im Bruch stehen, sofern es keine Druckprobleme gibt.

Kurze Artikel
Kurze Artikel oder Meldungen werden von den Lesern sehr intensiv genutzt. Sie müssen in Spalten oder Kästen zusammengefasst werden.

Kurze Artikel dürfen nie an einen langen Beitrag angehängt werden, weil falsche inhaltliche Zuordnungen möglich sind.

Überschriften
Die Überschriften sollten klar und eindeutig formuliert sein. Der Leser soll wissen, welches Thema in dem Beitrag behandelt werden soll.

Lieber eine relativ lange Überschrift als eine kurze nichtssagende.

Der Überschriften-Apparat sollte nicht zu weit ausgedehnt werden. Es ist nicht sinnvoll, Dach- und Unterzeile zu verwenden.

Grundtext
Der Vorspann sollte nicht zu lang sein. Er sollte inhaltlich das Thema weiter anreißen, ohne zusammenfassend sein zu müssen.

Je länger ein Beitrag, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er zuende gelesen wird.

Es ist für den Leser normal, einen Beitrag mitten im Text abzubrechen.

Die wichtigsten Themen eines Artikels sollten am Anfang stehen. Die Lesewahrscheinlichkeit sinkt mit der Länge des Beitrags.

Lange Artikel
Lange Artikel müssen durch Zwischenüberschriften gegliedert werden.

Lange Artikel sollten durch ein großflächiges Bild eingeleitet werden, damit das Interesse des Lesers geweckt wird.

Lange Artikel werden gelesen, wenn bestimmte Faktoren zusammenkommen:
- Bild als Aufmacher,
- gut getextete Überschrift,
- Grundtext durch Zwischenüberschriften gegliedert,
- interessantes Thema.

Lange Artikel werden nicht gelesen, wenn folgende Faktoren zusammenkommen:
- kein Bild,
- unklar formulierte Überschrift,
- Grundtext ohne Zwischenüberschrift,
- uninteressantes Thema.

Lange Artikel können in verschiedene kurze aufgesplittet werden, die jeweils eine Überschrift erhalten.

Platzierung
Die Platzierung eines Artikels auf der Seite ist nicht entscheidend. Der Leser findet selbst die Themen, die ihn interessieren.

Leser, die die Zeitung von vorne nach hinten lesen, schauen meist zuerst auf die rechte Seite.

Leser, die die Zeitung von hinten nach vorne lesen, schauen meist zuerst auf die linke Seite.

Beiträge ohne Bild am Kopf der Seite werden unter Umständen trotz der guten Platzierung nicht gelesen.

Beiträge mit Bild am Fuß der Seite können hohe Lese-Frequenzen erreichen.


Teil 1: Grundsätzliches über den Test
Teil 2: Fragen und Antworten
Teil 3: Ergebnisse im Detail
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